Stellungnahme zur WLE-Reaktivierung

Die Fraktion WAL/Grüne in Warstein begrüßt die Idee einer Reaktivierung des Schienen-Personen-Nahverkehrs (SPNV) auf der WLE-Strecke von Warstein nach Lippstadt, bzw. nach Münster.

 

Auch die Machbarkeitsstudie prognostiziert einen deutlichen volkswirtschaftlichen Nutzen (Kosten-Nutzen-Faktor von 1,4), sodass weitere konkrete Planungsschritte vorangetrieben werden können. Ein positives
Votum der beteiligten Kommunen wäre ein klares Signal, dass der Prozess auch vor Ort politisch
unterstützt wird.
Wir sehen dies als die einmalige Möglichkeit an, den ÖPNV auf der Achse Warstein-Lippstadt
komfortabel und klimafreundlich zu gestalten und so einen Mehrwert für die hier lebende Bevölkerung
zu erreichen. Dies ist die Chance, unsere bisher stark benachteiligte Struktur zum Wohle und im
Interesse der Menschen, des Handels, des Gewerbes und der hier ansässigen Industrie endlich anderen
Regionen anzugleichen!

Im Folgenden eine unvollständige Übersicht nennenswerter Aspekte für verschiedene
Interessensgruppen:

 

– Nutzer*innen des ÖPNV

 

Eine Testfahrt auf der WLE-Strecke im November 2023

Der ÖPNV über die Schiene verkürzt die Fahrtzeit nach Lippstadt und ermöglicht dort eine
Weiterfahrt nach Münster, Paderborn, dem Rheinland/Ruhrgebiet oder eine direkte
Umstiegsmöglichkeit in den Fernverkehr. Gleichzeitig bietet die Fahrt auf der Schiene einen
deutlich höheren Fahrtkomfort (ständige Fahrradmitnahme, ebenerdiger Einstieg, Toilette im
Fahrzeug, etc.), die Ticketpreise bleiben identisch zur Fahrt mit dem Bus.
Wichtig ist, dass man hier nicht nur den S60 gegen eine Zugverbindung „eintauscht“, sondern
sich hier die Möglichkeit bietet, den gesamten ÖPNV entlang der Bahnstrecke neu zu ordnen. So
müssen (!) neben der Reaktivierung des SPNV auch attraktive Zubringer-Busverkehre
eingerichtet werden, die beispielsweise Hirschberg besser an Warstein oder weiter entfernte
Wohngebiete in Anröchte an den möglichen neuen Bahnhof in der Stadtmitte anbinden. Der Zug
allein bringt hier zunächst nur einen geringen Vorteil. Erst durch Verknüpfung der verschiedenen
Mobilitätsformen („Mobilitätsmix“) wird der ÖPNV auf ein zeitgemäßes Level gehoben.

 

– Anwohner*innen an der Bahnstrecke, insbesondere in Belecke und Anröchte

 

Auch der Warsteiner Anzeiger berichtet (Ausgabe vom 23.02.2024, zum vergrößern auf das Bild klicken)

Uns ist bewusst, dass eine stärkere Nutzung des Bahnverkehrs auch die Wohnqualität bei
Häusern direkt an den Schienen beeinflusst. Allerdings wird durch diese Nutzungsänderung
unmittelbar die Möglichkeit einer Optimierung der vorhandenen Lärmschutzmaßnahmen mit
Landes- bzw. Bundesmitteln eröffnet. Beispiele hierfür sind bessere Lärmschutzfenster, kleine
Lärmschutzwände in Höhe der Achsen, Dämpfer in den Gleisen, etc. Dies trägt dann nicht nur
dazu bei, dass ein leiser Elektro-Triebwagen nicht mehr wahrgenommen wird, sondern es
verbessert auch die Situation mit dem Güterverkehr.
Bliebe es bei einer reinen Güterverkehrsnutzung, würden diese Maßnahmen – auch bei sich
andeutendem erhöhten Güterzugaufkommen – nicht durchgeführt, bzw. wären von der
Eigentümerschaft selbst zu finanzieren. Nur durch diese einmalige Chance gelingt es, trotz mehr
Zugverkehrs eine Verbesserung für die Anwohnenden zu erreichen!

 

– Anwohner*innen an der Bahnstrecke, insbesondere in Belecke und Erwitte

 

Neben den o.g. Punkten gibt es insbesondere in Belecke und Erwitte zahlreiche kleine
Bahnübergänge, die nicht technisch gesichert sind. Hier muss heute jeder Zug pfeifen, bevor
dieser die Bahnübergänge passiert. Des Weiteren könnten die Anwohner, deren Grundstücke
durch „eigene“ Bahnübergänge erschlossen sind, im Falle einer Generalüberholung auch an
Kosten der Instandhaltung/des Neubaus beteiligt werden. Dies bedeutet ein großes finanzielles
Risiko bei den einzelnen Eigentümern, da diese Kosten nicht wie bei Straßenbaumaßnahmen
durch das Land aufgefangen werden. Mit der Reaktivierung des Personenverkehrs müssen die
Anzahl der Bahnübergänge reduziert und diese auch technisch gesichert werden. Damit entfällt
durch Wegfallen des Bahnübergangs in vielen Fällen das finanzielle Risiko, in allen Fällen jedoch
das Pfeifen passierender Züge.
In Erwitte gibt es zudem die Chance, dass man im Zuge der Reaktivierung des SPNV auch die
verkehrliche Situation an der B55 zwischen der Hauptkreuzung und dem Ortsausgang in
Richtung Lippstadt entzerren könnte. Hier könnte man den Fußgängerweg zwischen Gleisen und
B55 entfallen lassen und somit die Bahnstrecke direkt an die B55 legen. Dies bietet dann
genügend Raum, um zwischen der Bahnlinie und der Wohnbebauung eine Anwohnerstraße zu
bauen und so die Häuser ohne Bahnübergang anzuschließen. Für solche Maßnahmen gibt es
diverse Fördermittel des Landes und des Bundes, die die finanzielle Belastung des Erwitter
Haushalts in Grenzen halten und gleichzeitig die Attraktivität der Wohngebiete zu steigern.

 

– Andere Verkehrsteilnehmende

 

Die heutige Busverbindung des S60 gibt auch die Möglichkeit, den Bahnhof Lippstadt in einer
guten Zeit zu erreichen. Allerdings hat der Schnellbus gegenüber dem Zug neben den bereits
beschriebenen Nachteilen für die Nutzer*innen sowie einem erhöhten CO2- und
Feinstaubausstoß auch negative Auswirkungen auf den übrigen Verkehr: So ist es für die
Nutzer*innen des S60 sehr praktisch, dass dieser in Belecke, Anröchte und Erwitte an fast jeder
Bushaltestelle anhält. Allerdings blockiert dies oft – bedingt durch nicht realisierbare
Haltebuchten – den nachfolgenden Verkehr und führt besonders zu den Stoßzeiten zu längeren
Autoschlangen hinter den Bussen. Der gleiche Effekt gilt für die ansonsten sehr sinnvolle
Vorrangschaltung an Ampeln: Diese führt in vielen Fällen dazu, dass andere
Verkehrsteilnehmer*innen ausgebremst werden, insbesondere in Erwitte an der
Hauptkreuzung. Des Öfteren kommt es für aussteigende Passagiere und querende Personen an
Ampeln dabei zu gefährlichen Situationen. Sollte der S60 in engerer Taktung fahren, würden sich
diese Probleme häufen.

 

– Industrie, Handwerk, Handel

 

Jüngst war in einer IHK-Zeitschrift davon zu lesen, dass die Industrie entlang der Bahnstrecke
eine Reaktivierung des SPNV begrüßt. Dieser mögliche Ausbau gibt vielen Mitarbeitenden (und
Kund*innen) die Möglichkeit des unkomplizierten Pendelns zur Arbeit und erschließt den
Unternehmen neue Bewerbergruppen, da diese aus unserer Erfahrung einer Bahnverbindung
gegenüber deutlich aufgeschlossener sind, als einer reinen Busverbindung. Des Weiteren
erleichtert eine Zugverbindung auch das Pendeln zwischen den Kommunen zum Einkaufen oder
Abend-/Wochenendgestaltung und erschließt dem Handel/der Gastronomie neue
Kundengruppen außerhalb der eigenen Kommune.

 

– Städtische Haushalte in Lippstadt und Warstein

 

Matthias De Angelis

Die an der WLE beteiligten Kreise und Kommunen tragen heute die Verluste der WLE anteilig
mit. Durch eine Reaktivierung des SPNV auf der WLE-Strecke wird auch die zukünftige
Betreibergesellschaft eine Abgabe pro gefahrenen Streckenkilometer an die WLE entrichten
müssen. Durch diese Streckenabgabe wird die aktuell defizitäre WLE profitabel, könnte – auch
abzüglich notwendiger Streckeninstandhaltungen – mit hoher Wahrscheinlichkeit einen
anteiligen Überschuss an die Kommunen Lippstadt und Warstein ausschütten und so zur
Entlastung der angespannten Haushaltssituation beitragen. Da Anröchte und Erwitte aus der
WLE ausgetreten sind, kommt der Überschuss dort dann leider nicht an. Allerdings würde eine
Umstrukturierung des Busverkehrs (z.B. Änderung auf kleinere Fahrzeuge im Zubringerverkehr)
zu einer Reduzierung des RLG-Zuschussbedarfes führen, was auch diesen Kommunen
zugutekäme.

Wolfgang Landfester

Diese positiven Effekte und Impulse für viele Teile der Kommunen an der Achse Warstein-Lippstadt(-
Münster) können weitestgehend ohne kommunale Investitionen entstehen, da die Anpassung der
WLE-Strecke und o.g. Strukturförderprogramme finanziell von Bund und Land getragen werden. Die
Steuergelder sind eingeplant – es stellt sich nur die Frage, ob sie in unserer Region oder anderswo
fließen. Direkt bei den jeweiligen Kommunen verblieben nur die reinen städtebaulichen Maßnahmen,
ganz im Gegensatz zu einem Szenario Erweiterung bzw. Verdichtung des Busverkehrs: Dieser müsste

Sascha Clasen

fast ausschließlich durch die Städte und Gemeinden getragen werden, was in der sich
verschlechternden Haushaltslage problematisch sein dürfte.
Dies lässt uns zu dem Schluss kommen, dass die Vorteile einer Reaktivierung des Schienen-Personen-Nahverkehrs die Nachteile bei Weitem überwiegen. Wir werben daher sowohl in der Bevölkerung als
auch bei unseren politischen Mitbewerber*innen um Unterstützung für dieses tolle Projekt.

Matthias De Angelis
Wolfgang Landfester
Sascha Clasen

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